24Stunden: Das „Race the Night“ am Semmering (NÖ)

START 12 UHR, ZIELANKUNFT 12 UHR. Das „Race the Night“ am Semmering (NÖ) ist ein einzigartiges Rennformat. Andy Viehböck, SPORTaktiv-Lesern von seiner Serie „Mountainbike-Fahrschule“ bekannt, hat in den letzten Jahren vier mal das Rennen als Einzelstarter gewonnen. Wie es ist, 24 Stunden ohne Pause mit einer Gondel auf- und auf dem Bike abzufahren? Der Oberösterreicher gibt Einblicke. 

Ausprobieren konnte ich ja schon viel, aber das 24-Stunden-Downhill-Rennen „Race the Night“ im Bikepark Semmering war, ist und bleibt das Extremste, das ich auf zwei Rädern je erlebt habe. Viele sprechen von diesem Rennen das ganze Jahr, viele kennen es, und manche nehmen daran teil. Ob als Betreuer, Starter in einem Team oder in der Königsdisziplin als Einzel- kämpfer: Für alle ist es wohl das härteste, weil längste Downhill-Rennen der Welt. Und das hat sich herumge- sprochen: Immerhin 300 Starterinnen und Starter aus 16 Nationen haben 2016 daran teilgenommen.

Wer noch nichts davon gehört hat, für den seien diese 24 Stunden kurz umrissen: Gestartet wird um 12 Uhr an einen Samstag im August am Hirschenkogel. Es starten Teams von zwei, vier oder sechs Personen und die Verrücktesten in der Einzelwertung. Im LeMans-Start geht’s auf die 2,7 Ki- lometer lange und 350 Höhenmeter überwindende Downhillstrecke: über rutschige Wiesenkurven, lange Quer- fahrten, einige Sprünge und tücki- sche Wurzelpassagen hinunter zur Talstation der Seilbahn, die dich wie- der hinauf katapultiert.

Zu Beginn haben alle nur ein Ziel: Ohne Pause so viele Abfahrten schnellstmöglich zu absolvieren. Vier Jahre Erfahrung sagen mir aber: Taktik ist der Schlüssel zum Erfolg. Nach 24 Stunden Quälerei wird das Rennen im Zielgelände bei der Hirschenkogelbahn abgewunken, meistens stehen die Gewinner erst dann fest. Bei gleicher Rundenanzahl zählt nämlich die schnellste Pace, also die Durchschnittszeit.

PLATZ FÜNF IM ERSTEN VERSUCH

2012 stieß ich erstmals auf diese Veranstaltung und dachte mir gleich, dass ich da unbedingt dabei sein muss. Kurzerhand begab ich mich auf die Suche nach einem Partner für ein Zweier-Team. Damals traute ich mir einen Einzelstart noch nicht zu. Markus Hauer und ich waren zu dieser Zeit motivierte Downhiller, die den Spaß in den Vordergrund stellten. Wir bereiteten uns damals nicht speziell auf das Rennen vor. Einziges Ziel war das Durchfahren und eine Endplatzierung im vorderen Drittel des Feldes zu schauen. Taktik für den ersten Versuch: Alle zwei bis drei Stunden wechseln, um uns zu erholen und Kraft zu tanken. Am Ende schafften wir den fünften Gesamtrang.

Und für mich war nach dem Rennen sofort klar, dass ich 2013 wiederkomme – allerdings als Einzelstarter, weil ich die Jungs, die ohne Pause durchfuhren, echt bewunderte. Doch ich stellte mir die Frage: „Wie soll man dafür bloß trainieren?“ Es war lo- gisch, dass mehr dazu gehört, als nur schnell zu fahren. Den Fokus legte ich in der Vorbereitung schließlich auf den Ausdauerbereich mit Intervallen bis zu 2 Minuten. Der Trainingsplan veränderte sich aber ständig, weil ich auch beru ichen Verp ichtungen nachzukommen hatte. Und ich machte immer jene Sportarten, auf die ich gerade Lust hatte – dafür immer ein bisschen mehr davon als üblich und das mitunter zu ungewöhnlichen Tageszeiten.

So kamen im Schnitt rund 15 Stunden Sport pro Woche zusammen, die ich mit regelmäßigen Kraft, Koordinations- und Ausdauereinheiten ergänzte. Laufen, Klettern, Paragleiten, Skaten, Slacklinen und natürlich Mountainbiken – irgendwie war alles dabei. Und dann war da noch das mentale Training, ohne das bei so einer Extremveranstaltung gar nichts geht. Wenn du deinen Kopf im Gri hast und imstande bist, auf der Strecke sau- bere Linien zu wählen, dann kannst du dir deine Kräfte auch bei so einer Herausforderung schonend einteilen.

ERFOLSFAKTOR BETREUER

In der Vorbereitung auf das Rennen gibt es aber noch eine weitere, zentrale Komponente, die einen Erfolg erst möglich macht: das Team. Beim meinem ersten Einzelstart 2013 war das alles eher eine „Hau-Ruck-Aktion“. Du brauchst zumindest einen Betreuer, der dich kulinarisch versorgt und im Fall der Fälle ein defektes Bike wieder in Stand setzen kann. Wenn dir das keiner abnimmt, kannst du dich nicht auf das Rennen konzentrieren.

Es war aber gar nicht so leicht, jemanden zu finden, der sich das alles antun wollte. Letztlich fand ich einen  Bekannten, der sich mir zwar mit Feuereifer anschloss, aber von Fahrrädern eigentlich keine Ahnung hatte. Doch er lernte schnell – und Michael Vielhaber sollte sich in Folge als echter Glücksfall erweisen, der an den folgenden Triumphen großen Anteil hatte. Ja, noch mehr: Michael wurde mein bester Kumpel ...

Vor dem Start des 2013er-Ren-nens fühlte ich mich physisch gut: Ich achtete auf viel Schlaf im Voraus und eine angemessene Ernährung, um die volle Renndistanz überstehen zu können. Ich hatte einen konkreten Plan erstellt, wann ich welche Nahrung und Getränke benötigen würde sowie xe Zeitpunkte für einen Bikecheck, sofern alles planmäßig und ohne Defekte verläu . Beim Eintre en im Fahrerlager fühlte ich mich dann trotzdem recht klein: Da standen Markus Stöckl (Rekordhalter im Speed-Downhill) und Benjamin Karl (Snowboard-Weltmeister) herum. Das ist ja lässig, dachte ich mir. Aber ich wusste, dass ich gut drauf bin.

„Mr. Race the Night“: ANDREAS VIEHBÖCK (30) ist seit 2013 geprüfter Mountainbike-Guide und Betreiber der Bikeschule Traunsee Flow in Gmunden (OÖ). Er ist auch erfolgreich in internationalen Enduro- & Downhill-Rennen im Einsatz. 

 

OHNE HINTERRADBREMSE

Nach einer lockeren Trainingsfahrt ging ich dann doch ziemlich nervös an den Start, das Funkgerät im Hosensack – man weiß ja nie. Um 12 Uhr fiel endlich der Startschuss, dann rannte ich wie von der Tarantel gestochen zu meinem Bike. Nach dem Start war ich immer in den Top 5 und blieb stets in Schlagdistanz zum Führenden, dem 2012-Sieger Eno Mendoza. Ich kämpfte mich Runde für Runde nach vorne und fuhr konstant schnelle Runden, doch nach einigen Stunden ngen dann die Probleme mit dem Bike an.

Mein Betreuer und ich wechselten die defekten Teile während der Gondelfahrten, um keine Zeit zu verlieren. Da war ich dann auch einmal eine Runde ohne Hinterradbremse oder ohne Schaltung unterwegs. Und die wirklichen Probleme kamen erst noch – mitten in der Nacht nach etwa 13 Stunden am Rad und etwa 80 zurückgelegten Abfahrten. Harte Hände, schmerzende Muskeln und vor allem der innere Schweinehund machten mir enorm zu schaffen. Die Dunkelheit tat ihr Übriges und trug zur Verschlechterung der Stimmung bei. In solchen Momenten wird offensichtlich, wie wichtig Mentaltraining für Sportler ist. Zudem versuchte mein Betreuer unentwegt, mich mit Sprüchen aufzuheitern und mir meine Stärken vor Augen zu führen.

VOLLER ADRENALIN

Für die Motivation war das Gold wert. Das ganze Rennen über war es eine ziemlich knappe Angelegenheit zwischen mir und zwei weiteren Fahrern. Wir hatten wenig Zeitabstand und alle drei wohl am meisten mit uns selbst zu kämpfen. Mit etwas Glück und großem Willen gelang es mir schließlich, alle Widerstände zu überwinden und das verrückte Unterfangen mit dem Sieg zu krönen. Benjamin Karl wurde damals übrigens Dritter.

Und nach der Ziel agge? Da fällst du nicht erschöp vom Rad, wie man vielleicht glauben könnte. Weil dich das Adrenalin am Laufen hält. Aber wehe, das lässt nach. Als muss alles auch nach dem Rennen möglichst schnell gehen: Umziehen und das Equipment verräumen, bevor man auskühlt und die tatsächliche Erschöpfung zum Vorschein kommt. Nach der Siegerehrung ging’s dann ab nach Hause, wo ich zunächst mal nichts mitbekommen habe. In meinem Fall brauchte ich etwa zwölf Stunden Schlaf für den Kopf und drei Tage Erholung für den Körper, bis ich wieder halbwegs hergestellt war.

Dieser erste Sieg war die Basis für die folgenden Jahre, in denen drei weitere folgten. An der Vorbereitung haben sich eigentlich bloß Details verändert. Natürlich versucht man Fehler der Jahre zuvor zu vermeiden – aber man ahnt auch nicht, welche Fehler man im Laufe so eines Rennwochen- endes alles machen kann. Jedes Jahr tauchen neue Herausforderungen auf, die zu meistern sind. Und dabei ist es auch egal, ob du Erster oder Letzter wirst: Alle Finisher dieser 24-Stunden haben meinen Respekt – weil sie in der Lage sind, gegen alle Widerstände Großes zu leisten. 

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